Schwanger in Prenzlauer Berg

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Ich bin ein lebendes Klischee! Hier scheint ja jede Dritte schwanger zu sein. Jedenfalls sehe ich ständig Frauen mit rundem Bäuchlein. Aber vielleicht ist das so wie wenn man einen neuen beigen Trenchcoat besitzt; plötzlich fallen einem überall eben solche auf, dabei erkennt man in Wahrheit jedoch gar keinen neuen Trend, sondern hat lediglich den eigenen Blick für einen bewährten Klassiker geschärft. Wie auch immer…

Als Schwangere fühle ich mich als Sonderwesen. Viele der Männerblicke schwanken zwischen Neugier, Ehrfurcht und Verunsicherung. Von den Einen wirst du nicht mehr als sexuelles Wesen wahrgenommen, die Anderen erzählen dir wie sexy sie deinen Zustand finden. Frauen mit Babys oder kleinen Kindern lächeln dich wohlwissend an, so nach dem Motto “Genieß` jetzt deine Ruhe, da kommt noch einiges auf dich zu!” Ich ahne Schlimmes, bei dem Gedanken an die Strapazen einer Geburt beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Andere Schwangere grüßen mich sogar auf der Straße. Wir scheinen Mitglieder einer eingeschworenen Gemeinschaft zu sein. Meine Koordinaten in Prenzlauer Berg sind nun nicht mehr Clubs, Bars und Boutiquen, sondern Adressen für Umstandsmode, Hebammen und Schwangerenyoga. Die Geschäfte mit Mode für Schwangere haben so originelle Namen wie “Sexymama”, “Frischling” oder “Neun-Monate-Berlin”. Trächtige Damen in dieser Gegend wollen eben weiterhin hip sein. Und in Hollywood lässt es sich schließlich auch keine Frau mehr entgehen, ihre hübsche Kugel entblößt ablichten zu lassen. Beim Aqua-Gymnastik-Kurs für Schwangere begegnen mir weitere Gleichgesinnte. Unsere Bewegungen im Schwimmbecken ähneln der Ästhetik von Robben. Anschließend tauscht man sich über Rückenbeschwerden, Geburtstermine oder Namensgebung aus. In der Straßenbahn räumen freundliche Senioren ihren Platz, damit ich mich hinsetzen kann. Als mich im Park ein kleiner frecher Junge fragt: “Bist du schwanger?”, entgegne ich trocken: “Nein, das ist bloß ein Mückenstich!”. Ihm verschlägst die Sprache, ich darf innerlich grinsen. Auf meinem Nachttisch liegt nun anstelle eines  coolen Lifestyle-Magazins die aktuelle Ausgabe des Heftes “Eltern”. In einem Test kann ich erfahren zu welchem “Schwangeren-Typ” ich gehöre und außerdem noch einiges über Ernährung und die Wichtigkeit des Stillens lesen. Meine Mutter freut sich auf ihr bevorstehendes Omaglück und kauft bereits erste rosa Strampler. Mein Exfreund freut sich weniger. Bei Streifzügen durch Geschäfte mit Babyartikeln verliebe ich mich in ein weißes Bettchen. Als ich mir in einem Café im Bötzowviertel einen Kamilientee bestellen möchte, strahlt mich ein winziges Baby mit leuchtenden Augen an. Autorin: AB.

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